verzeih, dass ich mich jetzt erst rühre; aber ich muss gestehen, dass mir der Abend so nachgeht wie, glaube ich, noch kein Theaterstück je, und ich bin immer noch heftig am Sortieren. Dazu hat nicht zuletzt Sven beigetragen, der so direkt und unverblümt reagiert hat, wie es für alle, die ihn kennen, in so einem Fall zu erwarten war – nur hatte ich eben nicht mit dieser Form der Aufführung gerechnet. Ich bin dadurch vielleicht in eine noch “schiefere” Lage gekommen, als andere Zuseher, weil ununterbrochen hin und hergerissen zwischen meiner eigenen Reaktion auf das Stück und auf die Art, wie Sven damit umgegangen ist. Der ganze Abend war für mich ein ständiges Oszillieren zwischen den Welten, in einer Vielschichtigkeit und vielfachen Brechung, die mir in dem, was sie mir zeigt, immer noch sehr zu denken gibt. Ich meine: ich tue mit; und wenn es nur drum geht, den Fluss eines Theaterabends nicht zu stören – und Sven eben nicht; und – wie er richtig sagt: hier handelt es sich “nur” um ein Theaterstück, wo alles ja vergleichsweise harmlos ist – wie aber benimmt man sich, wenn es einmal “um die Wurst geht” … Ich kann da, was mich selbst betrifft, nur die finstersten Vermutungen hegen. Das ist sehr unerfreulich – aber es ist mir auch sehr wichtig, das einmal so deutlich demonstriert bekommen zu haben.
In diesem Sinne danke ich Dir und Deinem
Ensemble – es war ein sehr verstörender und für mich sehr wichtiger Abend!
Hier die Antwort:
- den fluß eines theaterabends nicht zu stören, ist nach dem ersten kleinen
rencontre in der aula auch für mich entscheidend geworden. mehr und mehr
habe ich mein verhalten an dieser maxime ausgerichtet, statt zu tun, wonach
kr eigentlich zumute war. ich bin nicht sicher, daß das falsch war. ich
glaube, es geht einfach um zwei unterschiedliche begabungen: nein zu sagen,
wenn es not tut. zu schweigen, wenn das nein sagen mehr schaden als nutzen
anrichtet. die beiden richtig ins lot zu bringen, ist eine große, schwere
aufgabe.
markus’ theater hat uns beide sehr beschäftigt und beschäftigt uns noch
immer. genau so wie Du denke ich über das nach, was ich getan und was ich
nicht getan habe, darüber, was daran sinnvoll war, und darüber, was daran
nutzlos und überflüssig gewesen ist. und darüber, daß mich schon lange kein
theatererlebnis so sehr, so lange und so intensiv beschäftigt hat.
Markus schreibt:
Ich bin so berührt von den Reaktionen, die wir mit diesem Stück auslösen. Natürlich kann man so etwas nicht vorplanen und nicht “inszenieren”, sondern nur den Raum dafür schaffen, Dinge erlebbar zu machen, vor denen man sich selbst fürchtet.
Diese Ohnmacht habe ich selbst so oft erlebt, weil ich naturgemäß meistens der Schwächere bin… nicht nur physisch, sondern eben weil ich ich bin, mit meinem sozialen Hintergrund als Flüchtlingskind und Minderheit und nie “wie man sein soll” oder “wie man es eben macht”…
Wie verhält man sich richtig?
Was ist Gerechtigkeit?
Das muß jeder für sich selbst in jeder Situation entscheiden. Das ist die Aussage des Stückes.
Im “Philosophen Dialog” heißt es dazu: “Erkenne Dich selbst” heißt nicht so sehr: “Beobachte Dich”, sondern: “Mache Dich zum Herr/Frau Deiner Handlungen, um ungerechte Zustände in gerechte zu verwandeln!” Und deshalb mache ich Theater.
Die Reaktionen des Publikums sind völlig unberechenbar. Alle wissen, daß sie ins Theater gehen. Die Kampfchoreographie, die am Sonntag nicht ganz stattgefunden hat, zeigt auch deutlich, daß es Spiel ist, aber ein ernstes Spiel. Reagiert jemand, wie Sven, ist das toll, weil er mutig ist und Zivilcourage hat, aber es bremst den “Verlauf des Stückes”, den wir aber weiterführen müssen, um den Abend dichter zu machen und die Zuschauer zur Aussage hinzuführen, sie diese spüren zu lassen. Also bringen die securities die Zuschauer sich selbst näher, Station für Station… und dieser Weg ist oft schmerzhaft…
Deshalb ist es ja so ambivalent für die Schauspieler, die allesamt ganz sanfte und wunderbare Menschen sind: einerseits bewundern sie den Mut der “Rebellen”, andererseits machen sie ihnen das Leben schwer, oder gar unmöglich, ihre Aufgabe zu erfüllen…. es ist eine Gratwanderung.
Da das für uns alle ganz neu ist, und auch bis in die letzte Konsequenz nicht probbar, habe ich nun noch einmal die Devise verschärft, die Zuseher nicht zu berühren, sondern sie eher von der Gruppe auszuschließen, wo immer diese verweilen wollen. Sie wissen ja dann auch, daß sie dabei aber das Stück versäumen…
Was den Ernstfall betrifft, also im nicht-theatralen Kontext, muß wiederum jeder genauso wissen, wie er/sie sich verhält… da ist man dann vielleicht nicht mehr gar so überrascht, oder vielleicht wieder doch.
Jedenfalls würde ich nie wagen, ein Urteil über andere Menschen abzugeben. Weiß denn ICH, wie ich reagieren würde? Bin ich ein Held???
(Deshalb würde ich übrigens auch nie jemandem vorwerfen, 1938 am Heldenplatz gestanden zu sein, vielleicht haben die wirklich geglaubt, daß der alles besser macht! Nur, wie die Menschen dann NACH 1945 die Juden behandelt haben, wie alles bekannt war, was vorgefallen ist, DAS finde ich untragbar!)
Auf alle Fälle finde ich es ermutigend, daß es Leute wie Sven gibt!!! Das macht mir wirklich Mut!
Jedenfalls bin ich begeistert zu sehen, was das Theater kann!
Wie ich in meiner Nestroy Rede gesagt habe, es ist das Versuchslabor des Lebens, wir können Dinge ausprobieren und uns selbst kennenlernen. Deshalb werde ich auch nie fertig sein mit meiner Theaterarbeit und immer wieder scheitern, weil ich ja auch privat immer wieder scheitere.
Und deshalb ist das Theater mein Leben und meine Leidenschaft, das ich liebe und hasse, das mich glücklich macht und in die tiefste Verzweiflung stürzt.