Nach dem Gesetz….

07.10.2009
 
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Die Vorstellungsserie im Justizpalast ist beendet. Das Echo darauf ist weiterhin atemberaubend.

Ich danke noch einmal allen Beteiligten, allen Ermöglichern und allen Getreuen für die gelebte Utopie, daß solche Momente Wirklichkeit werden können….

Über 1000 Leute haben das erlebt, aber weit mehr haben wir abweisen müssen…

Daß so ein wunderbares, starkes Ensemble so viele Menschen berühren, so unglaublich starke Emotionen, radikale Reaktionen und euphorische Rezensionen auslösen kann, bestätigt meinen Glauben an das Theater, an das echte Ensembletheater, das von dem erzählt, was uns alle betrifft.
Und dafür bin ich Euch allen dankbar!

Markus

Vorstellung vom 20.9.

21.09.2009
 

Eine Zuschauerin schreibt:

heftig!!! gratulation an alle, alle zusammen!! bin noch am verarbeiten… funktioniert hat das stück gleich zu beginn, mit der sicherheitsschleuse, den formularen… der terror, die mechanismen, sich schützen wollen, ducken, aufbegehren, ohnmacht, gefangen sein, scheußlich… ohnmächtiges lachen, lachen über absurdität, absurdität der maschinerie, gehirnwäsche, in den irrsinn getrtieben werden, die ewigen fragen, wo setzt gerechtigkeit an, was könnte es sein, …innerlich schon aufgegeben, dann irgendwo hoffnung.. aber ziemlich zerlegt rausgegangen :-)

Hanno Loewy schreibt im Standard eine brilliante Analyse des fremdenfeindlichen und antisemitischen Reflexes zur Wahl in Vorarlberg:

19.09.2009
 
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…die Parole vom Juden, der sich “einmischt” , wo er nichts zu suchen hat, der “immer” provoziert, der “uns” verfolgt und mit seiner Macht “wieder” kontrollieren will, sie ist nicht deswegen schlimm, weil sie einen Juden beleidigen und beschimpfen soll. Natürlich, auch das ist schlimm genug. Aber sie meint nicht den einen Juden, sie meint nicht einmal “den Juden” , wer auch immer das sei. Der Antisemit schlägt den “Juden” , weil er mit ihm viele auf einmal schlagen kann. Für den, den das zuerst trifft, ist das existenzbedrohend. Denn es nimmt ihn nur noch als Symbol, nicht einmal als Menschen her, der etwas tut oder auch nicht. Nur als Symbol, denn für den Antisemiten ist er nur eine Figur.

Aber der Antisemit meint nicht nur “den Anderen” im Menschen – der für ihn kein Mensch mehr ist, sondern nur ein Abziehbild seines Verfolgungswahns – er meint “die Anderen” , vor allem sie, für die er kein gemeinsames Wort hat, Muslime, Türken, Tschuschen, Araber, Ausländer, die Liste ist lang…

Mit dem Versuch, das Ganze als Kampf “wir” gegen “den Islam” zu einer Entscheidungsschlacht im Rheintal zu führen (statt wie sonst in den Weinbergen über Wien), mit diesem Versuch hat es so seine Tücken. Selbst der rechteste Populist im Land braucht türkische Einwanderer, damit die Wirtschaft nicht zusammenbricht, oder ukrainische Wanderdienstleisterinnen, damit im Altenheim nicht die Pflege zusammenbricht. Und erst recht weiß man eigentlich, dass es die Kreativität der “Neuen” , die Konkurrenz der “Dazukommenden” ist, die den “eigenen” Laden in Bewegung halten. Auf Dauer jedenfalls. Eigentlich weiß man das alles, weiß, dass man “ohne” Migranten gar nicht kann, ja wahrscheinlich weiß man sogar, dass auf Dauer auch ein menschenwürdiger Umgang mit denen, die kommen, die Voraussetzung ist, dass sie kommen – aber man zündelt hier und zündelt dort, um seine eigene Unsicherheit zu besiegen, das eigene Ungenügen, die eigene Ideenlosigkeit. Und man demütigt die “Anderen” , damit sie “Andere” bleiben, unten bleiben, ganz unten. Damit man selber nicht ganz unten ist. Man selbst sich stark fühlen kann, wo nichts mehr sonst zu holen ist.

Ein Grillfest in der Siedlung, wo “die Türken” wohnen, mitten im Ramadan, der Bürgermeister macht mit. Mal schauen, ob man seine Schweinswürstel “bei uns” noch ungestört essen darf, und zwar überall, jederzeit, und auch dann, wenn sie einem gar nicht schmecken, weil man nur an die Provokation denkt, die man damit begehen will, und immer darauf wartet, dass “die Anderen” sich endlich wehren, also die “Provokation” begehen, die man ja provozieren will. Ich kann mich noch gut an die “protestantischen” Demonstrationen durch katholische Stadtviertel in Nordirland erinnern. “Fuck the pope” wurde da skandiert, und wenn endlich der erste Stein geflogen kam, hatte man sie erreicht: “die Provokation” .

Der Antisemitismus ist das letzte Mittel, wenn all diese Provokation nicht reicht, um wirklich auf sich aufmerksam zu machen, um wirklich das Land zu spalten.

Und wie es sich herausstellt (wir hatten es schon fast vergessen, verdrängt, in Wohlgefallen aufgelöst), das Mittel taugt noch, jedenfalls für den Moment.

Das ist das eine. Doch es gibt auch das andere.

Ich habe in den letzten Wochen nicht nur das Gefühl, dass es hoffnungslos sein könnte, gegen diese Hydra zu kämpfen. Ich habe auch gespürt, dass manche beginnen, zu realisieren, um welchen Ernst es im Moment geht.

Menschen an der Spitze dieses Landes realisieren das, wie in den gesellschaftlichen Bewegungen, in den meisten Parteien, in der Wirtschaft und in den Schulen. Wie viele, weiß ich nicht, über jeden freue ich mich. Die Frage ist, wie schnell wird man wieder zur Tagesordnung übergehen?

Der antisemitische Ausbruch eines Kandidaten und der Applaus, den er dafür erhält, sie sind auch eine Chance. Dann jedenfalls, wenn sie tatsächlich dazu führen, dass wir nicht wieder zur Tagesordnung zurückkehren, sondern eine neue aufstellen.

Die könnte daraus bestehen, Einwanderung, Integration und Globalisierung ernst zu nehmen. Und zwar weil sie notwendig sind und weil sie Probleme schaffen, Probleme und Ängste. Weil sie Achtung voreinander erfordern, die wieder hergestellt werden muss, in vielen Gesprächen und Handlungen, ohne Polemik, sondern auf Augenhöhe. Und das heißt auch, diese Fragen und das, was sie nach sich ziehen, zum Beispiel einen neuen Blick auf Bildung und Kultur (man könnte auch sagen “Aufklärung” ), auf Platz eins zu setzen.

Hanno Loewy ist der Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems

Ausverkauft!

16.09.2009
 
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Innerhalb von 2 Tagen war die gesamte Spielserie ausverkauft! Wir können leider keine Reservierungen mehr entgegen nehmen!
Wir planen aber eine Film Version!

Die Reise durch den Justizpalast zu sich selbst…

16.09.2009
 
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verzeih, dass ich mich jetzt erst rühre; aber ich muss gestehen, dass mir der Abend so nachgeht wie, glaube ich, noch kein Theaterstück je, und ich bin immer noch heftig am Sortieren. Dazu hat nicht zuletzt Sven beigetragen, der so direkt und unverblümt reagiert hat, wie es für alle, die ihn kennen, in so einem Fall zu erwarten war – nur hatte ich eben nicht mit dieser Form der Aufführung gerechnet. Ich bin dadurch vielleicht in eine noch “schiefere” Lage gekommen, als andere Zuseher, weil ununterbrochen hin und hergerissen zwischen meiner eigenen Reaktion auf das Stück und auf die Art, wie Sven damit umgegangen ist. Der ganze Abend war für mich ein ständiges Oszillieren zwischen den Welten, in einer Vielschichtigkeit und vielfachen Brechung, die mir in dem, was sie mir zeigt, immer noch sehr zu denken gibt. Ich meine: ich tue mit; und wenn es nur drum geht, den Fluss eines Theaterabends nicht zu stören – und Sven eben nicht; und – wie er richtig sagt: hier handelt es sich “nur” um ein Theaterstück, wo alles ja vergleichsweise harmlos ist – wie aber benimmt man sich, wenn es einmal “um die Wurst geht” … Ich kann da, was mich selbst betrifft, nur die finstersten Vermutungen hegen. Das ist sehr unerfreulich – aber es ist mir auch sehr wichtig, das einmal so deutlich demonstriert bekommen zu haben.

In diesem Sinne danke ich Dir und Deinem
Ensemble – es war ein sehr verstörender und für mich sehr wichtiger Abend!

Hier die Antwort:

- den fluß eines theaterabends nicht zu stören, ist nach dem ersten kleinen
rencontre in der aula auch für mich entscheidend geworden. mehr und mehr
habe ich mein verhalten an dieser maxime ausgerichtet, statt zu tun, wonach
kr eigentlich zumute war. ich bin nicht sicher, daß das falsch war. ich
glaube, es geht einfach um zwei unterschiedliche begabungen: nein zu sagen,
wenn es not tut. zu schweigen, wenn das nein sagen mehr schaden als nutzen
anrichtet. die beiden richtig ins lot zu bringen, ist eine große, schwere
aufgabe.

markus’ theater hat uns beide sehr beschäftigt und beschäftigt uns noch
immer. genau so wie Du denke ich über das nach, was ich getan und was ich
nicht getan habe, darüber, was daran sinnvoll war, und darüber, was daran
nutzlos und überflüssig gewesen ist. und darüber, daß mich schon lange kein
theatererlebnis so sehr, so lange und so intensiv beschäftigt hat.

Markus schreibt:

Ich bin so berührt von den Reaktionen, die wir mit diesem Stück auslösen. Natürlich kann man so etwas nicht vorplanen und nicht “inszenieren”, sondern nur den Raum dafür schaffen, Dinge erlebbar zu machen, vor denen man sich selbst fürchtet.

Diese Ohnmacht habe ich selbst so oft erlebt, weil ich naturgemäß meistens der Schwächere bin… nicht nur physisch, sondern eben weil ich ich bin, mit meinem sozialen Hintergrund als Flüchtlingskind und Minderheit und nie “wie man sein soll” oder “wie man es eben macht”…

Wie verhält man sich richtig?

Was ist Gerechtigkeit?

Das muß jeder für sich selbst in jeder Situation entscheiden. Das ist die Aussage des Stückes.

Im “Philosophen Dialog” heißt es dazu: “Erkenne Dich selbst” heißt nicht so sehr: “Beobachte Dich”, sondern: “Mache Dich zum Herr/Frau Deiner Handlungen, um ungerechte Zustände in gerechte zu verwandeln!” Und deshalb mache ich Theater.

Die Reaktionen des Publikums sind völlig unberechenbar. Alle wissen, daß sie ins Theater gehen. Die Kampfchoreographie, die am Sonntag nicht ganz stattgefunden hat, zeigt auch deutlich, daß es Spiel ist, aber ein ernstes Spiel. Reagiert jemand, wie Sven, ist das toll, weil er mutig ist und Zivilcourage hat, aber es bremst den “Verlauf des Stückes”, den wir aber weiterführen müssen, um den Abend dichter zu machen und die Zuschauer zur Aussage hinzuführen, sie diese spüren zu lassen. Also bringen die securities die Zuschauer sich selbst näher, Station für Station… und dieser Weg ist oft schmerzhaft…

Deshalb ist es ja so ambivalent für die Schauspieler, die allesamt ganz sanfte und wunderbare Menschen sind: einerseits bewundern sie den Mut der “Rebellen”, andererseits machen sie ihnen das Leben schwer, oder gar unmöglich, ihre Aufgabe zu erfüllen…. es ist eine Gratwanderung.

Da das für uns alle ganz neu ist, und auch bis in die letzte Konsequenz nicht probbar, habe ich nun noch einmal die Devise verschärft, die Zuseher nicht zu berühren, sondern sie eher von der Gruppe auszuschließen, wo immer diese verweilen wollen. Sie wissen ja dann auch, daß sie dabei aber das Stück versäumen…

Was den Ernstfall betrifft, also im nicht-theatralen Kontext, muß wiederum jeder genauso wissen, wie er/sie sich verhält… da ist man dann vielleicht nicht mehr gar so überrascht, oder vielleicht wieder doch.

Jedenfalls würde ich nie wagen, ein Urteil über andere Menschen abzugeben. Weiß denn ICH, wie ich reagieren würde? Bin ich ein Held???

(Deshalb würde ich übrigens auch nie jemandem vorwerfen, 1938 am Heldenplatz gestanden zu sein, vielleicht haben die wirklich geglaubt, daß der alles besser macht! Nur, wie die Menschen dann NACH 1945 die Juden behandelt haben, wie alles bekannt war, was vorgefallen ist, DAS finde ich untragbar!)

Auf alle Fälle finde ich es ermutigend, daß es Leute wie Sven gibt!!! Das macht mir wirklich Mut!

Jedenfalls bin ich begeistert zu sehen, was das Theater kann!

Wie ich in meiner Nestroy Rede gesagt habe, es ist das Versuchslabor des Lebens, wir können Dinge ausprobieren und uns selbst kennenlernen. Deshalb werde ich auch nie fertig sein mit meiner Theaterarbeit und immer wieder scheitern, weil ich ja auch privat immer wieder scheitere.

Und deshalb ist das Theater mein Leben und meine Leidenschaft, das ich liebe und hasse, das mich glücklich macht und in die tiefste Verzweiflung stürzt.

Heute las ich folgende Zeilen in der Kritik in der “Neuen Kronenzeitung”:

15.09.2009
 
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“Die meisten Zuschauer stimmte es nachdenklich. “Vor dem Gesetz” hat eine klare Aussage: Wie gehen Staat und Justiz mit Fremdenhass, Vorurteilen und Intoleranz um? Wie reagieren diese Institutionen auf ein sich ständig wiederholendes menschliches Verhaltensmuster?
Antwort gibt das gesamte Ensemble um Markus Kupferblum – mit Gespür für Zwischentöne, realistischer Darstellung und pointierten Dialogen. Und wie Kupferblum den Versuch unternahm zu beweisen, daß Solidarität ein Lernprozess ist.”

Ist das nicht wunderbar??? So etwas ausgerechnet in der Kronenzeitung zu lesen??? Ist das alleine nicht schon unser gesamtes Stück wert??? Die Zeitung des Ressentiments und der Xenophobie ruft zur Solidarität auf!!!!

Die Fekter Entwürfe zum Fremdenrecht

14.09.2009
 
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Ich habe die Entwürfe zur Verschärfung des Fremdenrechts, die BM Fekter im Juni vorgelegt hat, vertonen lassen. In unserem Stück werden diese von einer xenophoben Putzfrau irrwitzig und geil geträllert… seit heute, 3
Tage nach der Premiere, sind sie Realität! So schnell kann es gehen! Oh, Du armes Österreich!!! Wieso gibt es in diesem Land keine seriöse Einwanderungspolitik??? Wieso lassen sich die Leute bei so einem wichtigen Thema von dümmlichen Populisten vor sich hertreiben???

Gerhard Amanshauser

14.09.2009
 
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” jede zeit hat eine hauptillusion, die, als verborgener anziehungspunkt,
die meisten vorstellungen lenkt oder in die irre führt.
unsere hauptillusion besteht in dem glauben, der einzelne sei mündig und
könnte sich, sofern man ihn nur entsprechend ernährt und informiert, in der
umgebung, die wir produzieren und in der wir agieren, auf gedeihliche art
entfalten.

unter umgebung verstehe ich alle ausprägungen des arbeitsprozesses,
den wir wählen sollen, wie er verordnet wurde.
er besteht aus zwei schichten: ein praktischer verwertungsbetrieb,
über dem eine simulierte wertesphäre schwebt.
den körpern wird die verwertung zuteil, den seelen die simulation.
das ist das abendländische erbe: jammertal und paradies.

einer, der sich, politisch oder privat, verwerten läßt, ist ein brauchbarer typ,
entweder ein armer narr oder selbst ein verwerter,
die gesellschaft ist ein verwertungsbetrieb, dessen automatik die unbrauchbaren typen
abschiebt und die brauchbaren verwerter an die leitenden posten bringt.

verwertung ist kein geschäft, das ihrer vertreter in die hölle bringt.
im gegenteil: die christliche moral,
entstanden zu einer zeit, als der verwertungsbetrieb noch unvorstellbar war,
kann dazu dienen, verwertung als prinzip einer vorgetäuschten ethik hinzustellen.

an die stelle der hölle, in die das individuum kommt, tritt der langsame ruin,
dem das soziale leben anheimfällt.
zunächst verschwinden alle unprofitablen riten, spiele und verschwendungskünste,
alle symbolische gesten und handlungen,
jeder höhere anstand.

dann beginnt der verwertungsbetrieb selbst zu verkommen,
und zwar so langsam, daß, wie bei einer schleichenden todeskrankheit,
die hoffnung auf besserung niemals erlischt.

mit hilfe der medien gelingt es, je vollkommener die technik sich ausbildet,
immer besser, dem verwertungsbetrieb eine art bewußtsein anzuhexen,
einen vorgetäuschten geist, der von experten verschiedener scheinwissenschaften,
wie etwa theologie, soziologie oder psychologie, beglaubigt wird.

während der ausbeutungsbetrieb, alle lebensräume zersetzend und vergiftend,
die erdoberfläche gleichsam abfrißt und nach den letzten unberührten winkeln fahndet,
laufen ununterbrochen vor lethargischen augen bilderkaskaden vorbei,
die sinn tranportieren, sinnhalden vor uns aufschütten, kunst und philosophie
aller zeiten und völker, mit neuesten wissenschaftlichen erkenntnissen vermischt.

noch niemals in der geschichte wurde soviel sinn geliefert, eine sinnflut gleichsam,
ein schlaraffenland des geistes.

was zu diesem zustand geführt hat, war eine entwicklung, deren langsamkeit sich
jeder kontolle entzog.
am gefährlichsten, um nicht zu sagen: am raffiniertesten, sind langsame seuchen,
an die wir uns manchmal so sehr gewöhnen, daß wir sie zu den errungenschaften zählen.

der langsamkeit zeitlicher abläufe, die sich jedem überblick entziehen,
entspricht im raum das fein-verteilte, dessen zusammenhang im verborgenen bleibt.
wie die feinverteilten giftstoffe und strahlungen,
resultate ausbeuterischer produktionsmethoden, alles durchsetzten, was wir einatmen und essen,
so ist alles, was wir hören, sehen, riechen und fühlen, von lebensfeindlichen spurenelementen
und giften verseucht.
dabei waren die tomaten noch nie so rot und rund,
die ankündigungen noch nie so so glänzend und so perlend.
das ist das wunder der SIMULATION.

die meisterwerke verschiedener epochen, zum beispiel die gotischen kathedralen,
entsprangen dem bedüfnis,
den tod zu ertragen und zu überwinden.
unsere meisterwerke liegen auf dem gebiet der simulation.
die makellosen oberflächen, ob sie nun aus beton oder glanzpapier,
aus titan oder kunstfolie bestehen, dienen dazu, den fein verteilten tod zu kaschieren.

es ist der alte tod,
der, mit hilfe der technologie aus dem lebensbetrieb verjagt,
als schwer nachweisbare kontamination unter allen glänzenden oberflächen verborgen ist,
die leben vortäuschen. ”

Gerhard Amanshauser

Arnold Schönberg:

14.09.2009
 
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” warum halbgott sein wollen?
warum nicht lieber vollmensch?

ich habe meinen schülern niemals eingeredet, ich sei unfehlbar -
das hat nur ein »gesangsprofessor« nötig -
sondern ich habe oft zu sagen riskiert, was ich später widerrufen,
anweisungen zu geben, die sich, angewendet, als falsch heraustellten,
die ich später verbessern mußte:
mein irren hat dem schüler vielleicht nicht genützt, aber kaum viel geschadet;
doch daß ich es offen zugab, mag ihm zu denken gegeben haben.
mich aber, der ich ungerprobtes, selbsterdachtes gab, zwang der bald sich zeigende irrtum
zu neuerlicher prüfung und besserer formulierung.

so ist dieses buch entstanden.
aus den fehlern, die meine schüler infolge ungenügender oder falscher anweisungen machten,
habe ich gelernt, die richtige anweisung zu geben.
hätte ich ihnen bloß gesagt, was ich weiß, dann wüßten sie nur das und nicht mehr.
so wissen sie vielleicht sogar weniger.
aber sie wissen, worauf es ankommt: a u f s s u c h e n !

unsere zeit sucht vieles.
gefunden aber hat sie vor allen etwas: den komfort.
der drängt sich in seiner ganzen breite sogar in die welt der ideen und macht es uns so bequem,
wie wir es nie haben dürften.
man versteht es heute besser denn je, sich das leben angenehm zu machen.
man löst probleme, um eine unannehmlichkeit aus dem weg zu räumen.
aber, wie löst man sie?
und das man überhaupt meint, sie gelöst zu haben!
darin zeigt sich am deutlichsten, was die voraussetzung der bequemlichkeit ist: die oberflächlichkeit.

so ist es leicht, eine »weltanschauung« zu haben, wenn man nur das anschaut, was angenehm ist,
und das übrige keines blickes würdigt…

der komfort als weltanschauung!
möglicht wenig bewegung, keine erschütterung.
die den komfort so lieben, werden nie dort suchen,
wo nicht bestimmt etwas zu finden ist… ”

Arnold Schönberg, Harmonielehre, 1911

Renald Deppe über das Stück

14.09.2009
 
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Wo Freiheit ist,
muß,
wer öffentlich auftritt,
sich auch öffentlich behandeln und verhandeln
und mitunter auch mißhandeln lassen.
Diese Stärke des Gemütes,
diese Tugend muß er haben.
Mag er das nicht,
so setze er sich in die Werkstatt hin
und nähe Schuhe und Röcke.

Ernst Moritz Arndt

das trifft für uns alle im justizpalast zu.
zuallererst auch für die mitwirkenden.
anstrengend für alle,
eine schwierige gratwanderung.

natürlich darf das publikum nicht mißhandelt werden.
niemals.
und ich bin sicher, das markus das nicht intendiert hat…

nun,
schuhe und röcke nähen wollte er vor dem gesetz aber auch nicht.
aber ich verstehe deine reaktion.
und achte und schätze sie.

in diesem sinn wünsche ich uns allen weiterhin eine spannende gesetzes-reise
und verbleibe zum schulbeginn mit diesem nicht-kafka-text
fest wiengrussherzlichst als treuer musicus-gefährte: dein re.de…

” die welt rast,
und wer nicht mitrast, ist verloren.
und so rasen wir halt – die jungen etwas schneller und die alten hinterher.

und mitten in die raserei hinein platzt kurz die pisastudie,
die feststellt, daß es schlecht steht um die lesefähigkeit der jungen.
und selbstverständlich kann das nur die schule gewesen sein, die versagt hat.

ja,
darüber sind sich nun alle einig: die schule muß verbessert werden,
muß effektiver werden,
muß mehr leistung bringen.

doch ich fürchte, die schule hat nur insofern damit zu tun,
daß sie eben ein teil der welt ist – jener welt, die längst zu schnell geworden ist für das lesen.
ich fürchte, wieder einmal mehr wird hier etwas auf die schule geschoben,
was nicht die schule angeht, sondern uns alle -
und eine pisastudie unter erwachsenen hätte wohl noch viel erschreckendere ergebnisse.

das verhältnis der gesellschaft zur schule ist verlogen.
eine welt, die nicht mehr liest, möchte lesende schüler.
eine welt der gewaltigen und in der gewalt tätigen möchte eine schule, die zur gewaltfreiheit erzieht.
die erfolgreichen einzelkämpfer möchten eine schule, die das sozialverständnis fördert.

aber in wirklichkeit möchten wir doch nur eine schule für erfolgreiche,
für eine erfolgreiche wirtschaft zum beispiel.
und diese schule haben wir doch – und diese wirtschaft auch.
und nicht die schule hat die welt schnell gemacht, sondern wir.

ich danke, daß sie sich zeit genommen haben, zu lesen. ”

Peter Bichsel

p.s.: denn die justiz ist eine justiz für erfolgreiche. (re.de)

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